Chronik des TV 1894 Illingen/TV Gennweiler

Verfasst hat TVI-Kulturwart Toni Schönenberger die Chronik im Jahr 2009 an
Hand der Vereinsprotokolle; überarbeitet und ergänzt wurde sie von
Wolfgang Weber 2019 anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Vereins.

 

1894 wurde der Turnverein Illingen gegründet, von vier Turnern im Lokal
„Lustgarten“. Die Übungsstunden des Vereins wurden im Garten des Lokals abgehalten, ebenso der Turnwerbeabend, der einmal im Jahr stattfand. Später wechselte man in die Wirtschaft Feld in der Heusweilerstraße. Die Übungsstunden fanden im Garten der ehemaligen Bäckerei Rech am Bahnhof statt. Zum Turnverein gehörte auch eine Theatergruppe. Deren Einnahmen verwendete man für Turngeräte....

Die vollständige Chronik bis zum Jahr 1950 können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Download
CHRONIK TV ILLINGEN Teil 1.pdf
Adobe Acrobat Dokument 2.0 MB

Was aus dem Patriotismus der Turner geworden ist

„Turnvater“ Jahn (links sein Bild)  war Patriot durch und durch. Auf seinem Turnplatz, der Hasenheide in Berlin, ließ er immer auch den „kleinen Krieg“ üben mit Patrouillen und Überfällen. Er wollte seine Zöglinge fit machen für den Kampf gegen Napoleon und die Franzosen.
Doch was ist aus dem gesunden Patriotismus, dem positiven Nationalbewusstsein der Turner geworden? Die Nationalsozialisten verkehrten es auf gespenstische Weise, was die Chronik des TV Illingen anschaulich dokumentiert. Hass und Rassismus zeigten ihre hässliche Fratze, führten schnell zur Katastrophe: Am 10. November 1938 brannte in Illingen die Synagoge, Juden wurden aus ihren Häusern gezerrt, beleidigt, misshandelt und mit Lastwagen nach Saarbrücken ins Gefängnis Lerchenflur transportiert, von dort in die Konzentrationslager.
Die Geschichte des Rassismus lässt sich verfolgen. Sie ist eng verknüpft mit der Stadt Jena, genauer: mit der Universität dieser Stadt. Hier lehrte Mitte des 19. Jahrhunderts Professor Ernst Haeckel, genannt „der deutsche Darwin“. Doch im Gegensatz zu Darwin, der die fließenden Übergänge und Zwischenformen betonte, dachte Haeckel kategorial. Er klassifizierte in einem als Wissenschaft getarnten Willkürakt zwölf unterschiedliche „Menschenrassen“: ganz unten die Papua aus Neuguinea und die Hottentotten Südafrikas, ganz oben die Indogermanen (Arier). Haeckel war vom angesehenen Wissenschaftler zum Ideologen mutiert.
Gymnasiallehrer Hans Günther („Rassengünther“) wandelte auf Haeckels Spuren, wurde zum Urheber der nationalsozialistischen Rassenideologie. Hitler dankte es ihm 1930 durch die Ernennung zum Professor der Uni Jena. In Günthers Antrittsvorlesung „Rassenkunde des deutschen Volkes“ waren neben Hitler auch Göring und Heß vor Ort – es war in Hitlers Leben sein einziger Uni-Besuch.
Ebenfalls in Jena, gerade vor zwei Monaten, am 10.09.2019, veröffentlichte eine internationale Schar renommierter Zoologen, Evolutionsforscher und Genetiker die „Jenaer Erklärung“. Ihr Fazit: Rassen gibt es nicht! Natürlich unterscheiden sich Menschengruppen bezüglich ihrer Hautfarbe, ihrer Augen- oder Körperform, was bekanntlich weltweit zu grausamster Verfolgung, zu Versklavung und Ermordung von Millionen Menschen geführt hat. In der menschlichen DNA, die in ihren 3,2 Milliarden Sequenzen komplett erfasst ist, findet sich kein einziges signifikantes Merkmal, das z. B. Afrikaner von Nichtafrikanern unterscheidet. Ein Saarländer kann sich genetisch mehr von einem anderen Saarländer unterscheiden als von einem nordafrikanischen Migranten. Mit der „Jenaer Erklärung“ rufen die Verfasser dazu auf, den Ausdruck „Rasse“ nicht länger zu verwenden und sich gegen rassistische Diskriminierung einzusetzen.
Finnland, Schweden, Österreich und Frankreich haben das Wort „Rasse“ in ihren Verfassungen bereits gestrichen. Wir noch nicht: In Artikel 3 unseres Grundgesetzes heißt es unter anderem, dass niemand wegen seiner Rasse benachteiligt oder bevorzugt werden darf.
Die Väter der „Jenaer Erklärung“ sind sich einig: Eine Streichung des Wortes Rasse aus dem öffentlichen Sprachgebrauch wird Rassismus leider nicht verhindern. (Bericht: W. Weber)

Nach der Kristallnacht: ausgebrannte Synagoge in Illingen


HEIL HITLER statt GUT HEIL – eine Nachbetrachtung

Die Nationalsozialisten zogen alle Register, um die Turner für ihre Zwecke zu gewinnen. Der Vereinsvorsitzende hieß ab 1933 „Vereinsführer“, der Turnergruß „Gut Heil“ wurde ersetzt durch „Heil Hitler“.
Ohne Not trennte man sich von seinen jüdischen und seinen sozialistischen Mitgliedern.
Die Sitzungsprotokolle der Turnvereine sind ein Spiegel der Nazifizierung. Die kritiklose Akzeptanz des Geschehens ist aus heutiger Sicht nicht zu verstehen. Stellenweise hatten die Protokolle geradezu den Charakter von Nazipropaganda. So heißt es am 27.1.1935 im Jahresbericht des “Vereinsführers” des TV Illingen, dass einige Mitglieder, die mit der neuen Richtung nicht einverstanden waren, den Verein verlassen hätten – nicht schlimm, denn „dieser Verlust wurde durch zahlreiche Neueintritte ausgeglichen”. Die Katastrophe kam bekanntlich schnell: Bereits 3 Jahre später, im November 1938, brannte in der Kristallnacht in Illingen die Synagoge, wurden Juden aus ihren Häusern gezerrt, misshandelt und abtransportiert.
Kein Wunder, dass die Protokolle der Vereine (nicht nur die der Turnvereine!) nach dem Krieg im Rahmen der Entnazifizierung allerorts verschwanden, niemand wollte Ärger mit den Siegermächten. Die Protokolle des TV Illingen/TV Gennweiler überlebten, auch die des TV Hüttigweiler. Letztere sind eine große Ausnahme, denn dort findet sich Kritik am rigorosen Vorgehen der neuen Machthaber. In der lesenswerten Chronik des TV Hüttigweiler steht folgendes Zitat aus der Rede eines Vereinsvorsitzenden anlässlich eines Familienabends im Herbst 1935: „Den Namen Turnverein hat man uns genommen, jetzt heißen wir leider „Verein für Leibesübungen“, aber im Herzen sind und bleiben wir Turner“. Welcher Mut musste zu einer solchen Äußerung gehören, wo doch die neuen Machthaber selbst die geringste Kritik rabiat ahndeten! Recherchen des ehemaligen Hüttigweiler Ortsvorstehers Walter Schreiner haben ergeben, dass der besagte Vereinsvorsitzende mit hoher Wahrscheinlichkeit Nikolaus Zimmer war. Fest steht, dass der Vorstand des TV Hüttigweiler geschlossen zurücktrat.
Wir sollten uns an die verhängnisvolle Entwicklung der Dreißigerjahre erinnern. Es ist bedrückend, dass der Rassismus wieder seine Fratze zeigt: der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, die Morde in Halle, die Ankündigung des saarländischen AfD-Vorsitzenden, dass ein „Feuersturm“ durchs Land ziehen wird, all das müsste aufrütteln. (Bericht: W. Weber)

Die Illinger Lateingasse am 15. Januar 1935 bei der Saarabstimmung


HEIL HITLER statt GUT HEIL – Turnen im Dritten Reich

Links: Franz Keller, Ehrenmitglied und Mitbegründer des TV Illingen mit der damals übliche Turnermütze.
Rechts: Turnerpyramide des TVI anlässlich der Elfhundert-Jahr-Feier Illingens im Jahr 1933.

Im Rahmen des 125-jährigen Jubiläums des TV Illingen wurde auch die Vereinschronik überarbeitet. Sie spiegelt den Aufstieg des Nationalsozialismus. Viele Turner wurden eine leichte Beute, was sich gut erklären lässt:
Die Turnbewegung, die sich auf den „Turnvater“ Friederich Ludwig Jahn gründete, hatte neben der sportlichen immer auch eine politisch-nationale Komponente. Die Nationalsozialisten nutzten dies geschickt aus, zogen alle Register, um die Turner für ihre Zwecke zu gewinnen. Der Vereinsvorsitzende hieß ab 1933 „Vereinsführer“, der Turnergruß „Gut Heil“ wurde ersetzt durch „Heil Hitler“. Neue Ämter wurden geschaffen, sie bekamen germanische Bezeichnungen. Jeder Turnverein ernannte einen Dietwart, der ab 1934 dem Dietwart des Reichsbundes für Leibesübungen unterstellt war. Diet kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet Volk. Der Dietwart war also der Volkswart, er war Pfleger des Rassebewusstseins, der völkischen Haltung. In Dietabenden und Dietprüfungen wurde diese Haltung bei den Sportlern kontrolliert. Eine bedrückende Tatsache: Die Turner haben versucht, sich unter ihrem „Führer” Edmund Neuendorff als weitere Kolonne neben SA und SS zu etablieren und die gesamte Sportbewegung zu vereinnahmen. Ohne Not trennte man sich von seinen jüdischen und seinen sozialistischen Mitgliedern. Das Deutsche Turnfest 1933 in Stuttgart sollte die Übernahme besiegeln. Doch es kam ganz anders, die NSDAP hatte andere Pläne. Als Vorbild diente ihr das faschistische Italien mit seinem Modell des Staatssports. Es entstand der Reichsbund für Leibesübungen. Dort war das Turnen nur noch ein „Fachamt“, eine unselbstständige Abteilung.
Die Nazifizierung spiegelt sich in den Sitzungsprotokollen der Turnvereine. Die kritiklose Akzeptanz des Geschehens mutet aus heutiger Sicht unverständlich an. Stellenweise hatten die Protokolle geradezu den Charakter von Nazipropaganda. So heißt es am 27.1.1935 im Jahresbericht des “Vereinsführers” Heinrich Briese, dass einige Mitglieder, die mit der neuen Richtung nicht einverstanden waren, den Verein verlassen hätten – “dieser Verlust aber wurde durch zahlreiche Neueintritte ausgeglichen”.
Kein Wunder also, dass die Protokolle nach dem Krieg im Rahmen der Entnazifizierung allerorts verschwanden, niemand wollte Ärger mit den Siegermächten. Die Protokolle des TV Illingen/TV Gennweiler überlebten, auch die des TV Hüttigweiler. Letztere sind eine große Ausnahme, denn dort findet sich Kritik am rigorosen Vorgehen der neuen Machthaber. In der lesenswerten Chronik des TV Hüttigweiler steht folgendes Zitat aus der Rede eines Vereinsvorsitzenden anlässlich eines Familienabends im Herbst 1935: "Den Namen Turnverein hat man uns genommen, jetzt heißen wir leider „Verein für Leibesübungen“, aber im Herzen sind und bleiben wir Turner“. Welcher Mut musste zu einer solchen Äußerung gehören, wo doch die neuen Machthaber selbst die geringste Kritik rabiat ahndeten! Recherchen des ehemaligen Hüttigweiler Ortsvorstehers Walter Schreiner haben ergeben, dass der besagte Vereinsvorsitzende mit hoher Wahrscheinlichkeit Nikolaus Zimmer war. Fest steht, dass der Vorstand des TV Hüttigweiler geschlossen zurücktrat.
Nach dem Krieg konnte sich das Vereinsleben nur sehr langsam wieder entwickeln. Die Siegermächte hatten allen sportlichen Organisationen jede Betätigung untersagt. Insbesondere das deutsch-nationale Gemeinschaftsbewusstsein der Turner sollte ausgelöscht werde. Geräteturnen blieb untersagt, aber die Turner konnten sich in Omnisportvereinen betätigen. Erst 1950 wurde das Omnisportprinzip aufgehoben. Die Vereine werden wieder selbstständig. Die Neugründung des TV Illingen erfolgte am 25.03.1950.
In den Folgejahren öffnet sich der Verein, es werden neue Abteilungen gegründet: 1955 die Leichtathletik-Abteilung, 1959 die Basketball-Abteilung, 1976 die Volleyball-Abteilung, 1984 kommen Badminton und Hockey dazu. Zum Renner wird die Fitness-Abteilung mit zahlreichen Angeboten.
(Bericht: W. Weber)